Grundbildung am und für den Arbeitsplatz

57 Prozent der funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten sind erwerbstätig. In Zusammenarbeit mit kommunalen Arbeitgebern erarbeitete das Projekt AlphaKommunal deshalb Konzepte, um Beschäftigte mit Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben, Rechnen oder am PC zu unterstützen. Der Artikel stellt Schritte vor, die den Weg zur Zusammenarbeit mit Arbeitgebern erleichtern.

Überzeugen von kommunalen Arbeitgebern

Wer als Weiterbildungsanbieter an kommunale Unternehmen herantritt, sollte in jedem Fall ein direktes Gespräch mit der Unternehmensführung oder den Personalverantwortli­chen suchen. Folgende Argumente sind dabei hilfreich:

  • Laut Informationen der leo. – Level-One Studie haben 14,5 Prozent aller in Deutschland lebenden Menschen Defizite in der Grundbildung. Deshalb kann man davon ausgehen, dass in beinahe jedem Unternehmen Personen arbeiten, die betroffen sind. Dennoch ist Vorsicht dabei geboten, diese Tatsache bei Führungskräften direkt anzusprechen. Da das Thema tabubehaftet ist, leugnen viele Arbeitgeber, dass funktionale Analphabetinnen und Analphabeten bei ihnen beschäftigt sind. Es kann helfen, von „Menschen mit großen Lese- und Schreibschwierigkeiten“ zu sprechen.
  • Fehlende Grundbildungskenntnisse können die Ursache für Fehler in Arbeits­abläufen sein. Nach Ergebnissen der SAPfA-Studie haben 41 Prozent der Arbeitgeber und 47 Prozent der Kolleginnen und Kollegen beobachtet, dass durch diese Fehler finanzielle Folgen entstehen. Durch Grundbildungskurse können Unternehmen ihre Abläufe effizienter gestalten und Kosten sparen.
  • Weiterbildungen können dazu beitragen, die Situation von benachteiligten Menschen und ihre beruflichen Kompetenzen zu verbessern. Unternehmen erhalten die Möglichkeit, die Potenziale aller Beschäftigten zu nutzen und damit auch betriebswirtschaftlich zu erschließen.

Obwohl der Nutzen für Arbeitgeber auf der Hand liegen sollte, trafen die Grundbil­dungsbeauftragten in der Praxis auf viel Skepsis und wenig Offenheit, Grundbil­dungskurse im eigenen Unternehmen zu ermöglichen.

Eine Erklärung für die Skepsis vieler Unternehmen bieten Ergebnisse der SAPfA-Studie: Viele Unternehmen sehen sich nicht in der Pflicht, Menschen mit Grundbil­dungsbedarf zu unterstützen. Die Mehrheit denkt, dass der Staat und die Kursteil­nehmenden die Kosten selbst tragen sollen. Folgende Tipps helfen, um trotz dieser Hindernisse eine Zusammenarbeit mit kommunalen Arbeitgebern aufzubauen:

  • Der persönliche Kontakt zu Verantwortlichen im Unternehmen ist wichtig, um Vertrauen aufzubauen. Es ist ein langer Atem und viel Überzeugungsarbeit notwendig.
  • Wenn ein Unternehmen nicht von sich aus Interesse am Thema erkennen lässt, sollte nicht zu viel Zeit mit Überzeugungsarbeit verschwendet werden. Besser ist es, sich auf Unternehmen zu konzentrieren, die nach wenigen Gesprächen eine Offenheit für das Thema zeigen. Dort kann nachgehakt und weitergearbeitet werden.
  • Es kann ein Türöffner sein, wenn ein Weiterbildungsangebot mit Veränderungsprozessen im Unternehmen verknüpft wird. Dies können z. B. Umstellungen im Arbeitsprozess oder die Einführung neuer technischer Geräte sein, mit denen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ohnehin lernen müssen, umzugehen.

Kurse organisieren und Teilnehmende gewinnen

Wenn ein Arbeitgeber Bereitschaft signalisiert, Grundbildungsangebote für seine Beschäftigten zu unterstützen, geht es in die konkrete Organisation der Angebote. Hier sollten folgende Fragen mit der Unternehmensleitung geklärt werden:

  • Finden die Kurse außerhalb oder innerhalb der Arbeitszeit statt?
  • Ist der Arbeitgeber bereit, sich an der Finanzierung der Kurse zu beteiligen? Wie kann eine Finanzierung ansonsten aussehen? Gibt es Teilnehmerbeiträge?
  • Wann und wie häufig kann ein Kurs stattfinden, ohne Arbeitsabläufe zu beeinträchtigen?
  • Wo findet der Kurs statt? In der örtlichen Volkshochschule? Direkt im Unternehmen? Wenn der Kurs im Unternehmen stattfindet, sollte darauf geachtet werden, dass die notwendige Ausstattung (z. B. genug funktionierende PCs mit Internetanschluss) vorhanden sind.

Danach müssen im Unternehmen Teilnehmende gewonnen werden. Dabei gibt es eine Schwierigkeit: Oft ist es Menschen mit Lese- und Schreibproblemen unangenehm, diese zuzugeben. Gerade an ihrem Arbeitsplatz verstecken viele das Manko.

Um potenzielle Kursteilnehmende zu schützen, ist es wichtig, dass die Unterneh­mensleitung deutlich macht, dass niemandem, der Defizite in diesem Bereich zugibt, negative Konsequenzen drohen. Außerdem kann es schützen, ein anderes Thema, das weniger tabubehaftet ist, im Konzept des Kurses in den Vordergrund zu stellen und Defizite im Lese- und Schreibbereich „quasi nebenbei“ im Kurs anzusprechen. Titel eines solchen Kurses kann zum Beispiel „Fit am PC“ sein. Wenn sich schließlich Teilnehmende für einen Kurs anmelden, sollte darauf geachtet werden, dass die Vorkenntnisse und Lernbedarfe ähnlich sind. Sind die Wissensstände der Kursteilnehmenden zu heterogen, kann dies die Dozentin vor große Schwierigkeiten stellen. Zu Beginn des Kurses sollten die Kenntnisse deshalb abgefragt werden.

Erstellung von Kurskonzepten

Wenn klar ist, dass der Kurs tatsächlich stattfinden kann und sich genügend Teilneh­mende gefunden haben, sollte das Konzept ausgearbeitet werden. Da ein solcher Kurs sehr spezifische, auf das jeweilige Unternehmen angepasste, Inhalte umfassen kann, ist es oft notwendig, für jeden Kurs ein eigenes Konzept zu entwickeln. In den Modellstandorten von AlphaKommunal arbeiteten dafür jeweils der Grundbil­dungsbeauftragte, eine Vertreterin des auftraggebenden Unternehmens und der Dozent des Kurses zusammen. Wichtig ist, dass die Dozentin Erfahrung mit Menschen mit Lese-und Schreibproblemen hat, auch wenn das Thema des Kurses zum Beispiel „Fit am PC“ ist, da Elemente aus diesem Bereich in jeden Kurs einfließen sollten. Elemente, die ein Konzept für einen arbeitsplatzorientierten Grundbildungskurs außerdem umfassen sollte, sind:

  • Zieldefinition
  • Zielgruppenbeschreibung
  • Lernstandsdiagnostik
  • Lernberatung
  • Eventuell Maßnahmen, um über weiterführende Kurse zum Beispiel an Volkshochschulen zu informieren
  • Einsatz arbeitsplatzorientierter Materialien (wie zum Beispiel Zeiterfassungsformulare, Meldebögen et cetera)

Der verant­wortliche Organisator sollte nach dem Kurs einfache Fragebögen zur Evaluation des Angebots verteilen, die zeigen, ob das Gelernte am Arbeitsplatz eingesetzt werden kann und weiteren Lernbedarf klar machen. Die Antworten können der Organisatorin Argumente für weitere Kurse im Unternehmen an die Hand geben.

Bundesministerium für Bildung und Forschung
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