„Möglichst viele Leute involvieren“ - Grundbildung im Osnabrücker Land

„Man braucht immer Leute vor Ort, die vom Thema überzeugt sind“, beschreibt Katrin Hettlich ein wichtiges Kriterium für erfolgreiche Grundbildungsarbeit in ländlichen Regionen. Seit knapp drei Jahren baut sie im Landkreis Osnabrück das Alpha-Netzwerk auf. Mit Herzblut, Engagement und kreativen Ideen hat sie bereits zahlreiche Menschen für das Thema Grundbildung und Alphabetisierung sensibilisiert und zu Mitstreitern gemacht. 

Der Landkreis Osnabrück im Südwesten Niedersachsens umfasst 34 Gemeinden, darunter acht Städte und vier Samtgemeinden. Mit dem Auto braucht man von Osnabrück aus eine Stunde bis zu manchem Ort im Nordkreis, mit öffentlichen Verkehrsmitteln entsprechend länger. Die Volkshochschule Osnabrücker Land hat 21 Außenstellen im Landkreis mit jeweils eigenen Kursangeboten. Seit Kurzem gibt es neben den zwei seit vielen Jahren regelmäßig stattfindenden Grundbildungskursen eine erheblich größere Vielfalt von Angeboten wie Rechtschreibtrainings oder offene „Lerncafés“. 

Politischer Wille: Grundbildung stärken

Wie es dazu kam, erklärt der Geschäftsführer der VHS Osnabrücker Land, Jörg Temmeyer: „Die Ergebnisse der Leo. – Level-One-Studie haben dem Thema Grundbildung in 2011 eine neue Aufmerksamkeit verschafft.  So auch bei uns im Kreistag. Dass für den seit 2011 amtierenden Landrat Dr. Michael Lübbersmann Bildung Chefsache ist, war zudem ein Glücksfall. Er rief unter anderem eine Koordinierungsgruppe Bildung ins Leben. Dort sitzen regelmäßig die Fachdienste (Dezernate) für Soziales, Bildung, Kultur und Sport sowie Gesundheit mit Trägern wie VHS und Jobcenter am Runden Tisch zusammen, besprechen Bildungsthemen und entwickeln Angebote.“  So entstand auch das Konzept für „Neue Wege der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit im Landkreis Osnabrück“  mit den Zielen Sensibilisierung, Enttabuisierung, Schaffung und Vernetzung von Angeboten, kurz: das Alpha-Netzwerk. Mit Drittmitteln konnte das Projekt von April 2014 - März 2017 finanziell gesichert werden, danach wird es mit Eigenmitteln der VHS weitergeführt mit dem Ziel der Verstetigung.

Sensibilisierung der VHS-Mitarbeiter/-innen

„Es ist wichtig, ein möglichst breites Angebot zu schaffen und Menschen auf verschiedenen Niveaustufen anzusprechen“, sagt Katrin Hettlich, Projektleiterin des Alpha-Netzwerks. An drei Orten entstanden Lerncafés als offene, kostenfreie und niedrigschwellige Angebote. Menschen mit Lese-oder Schreibschwierigkeiten können dort hinkommen und bestimmen selbst, was sie lernen möchten. „Für unsere Außenstellen war es etwas Neues, dass die Leute sich nicht anmelden müssen und dass es keine Mindestteilnehmerzahl gibt“, so Hettlich. Um auch die eigenen Mitarbeiter/-innen für das Thema funktionaler Analphabetismus zu sensibilisieren, lud sie zu einer Fortbildung ein. Anke Höpker von der VHS-Geschäftsstelle Fürstenau im Norden des Landkreises war eine der Teilnehmerinnen. Sie sagt: „Für mich und viele der Kolleginnen war das wie wachgerüttelt werden! Dass Menschen, die fünfmal sagen, sie hätten ihre Brille vergessen, vielleicht grundsätzliche Schwierigkeiten mit dem Lesen haben, darauf bin ich vorher gar nicht gekommen. Ich habe ja viel Kundenkontakt und habe inzwischen schon mehrere Leute vorsichtig angesprochen und sie auf Hilfsangebote aufmerksam gemacht“.  Sie sieht sich selbst heute als Botschafterin für das Thema Alphabetisierung in ihrer Gemeindeverwaltung. Danach gefragt, ob die weiten Wege auf dem Land ein Hinderungsgrund seien, an Kursangeboten teilzunehmen, sagt Anke Höpker: „Ich habe festgestellt, dass es Leuten aus kleineren Gemeinden manchmal sogar ganz recht ist, 20-30 km weit zu einem Grundbildungskurs zu fahren. Das gewährleistet eine gewisse Anonymität“. 

Kreative Aktionen sorgen für Aufmerksamkeit und Sensibilisierung

Wichtig ist Projektleiterin Hettlich die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Analphabetismus. Besonders liegt es ihr am Herzen, zu enttabuisieren und zu zeigen: „Viele Leute haben Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben, das ist ganz normal“. Sie hat sich einige kreative Aktionen einfallen lassen und gemeinsam mit Partnern in den Gemeinden im Landkreis umgesetzt. 

Labyrinth der Wörter

In Kooperation mit der Stadtbibliothek Georgsmarienhütte wurde eine Aktion rund um den Roman „Das Labyrinth der Wörter“ von Marie-Sabine Roger verwirklicht. Schüler/-innen der Realschule malten im Kunstunterricht Bilder zum Thema Analphabetismus, die Theatergruppe entwickelte ein Stück. Die Ergebnisse wurden in der Stadtbibliothek vor großem Publikum präsentiert. „Es ist bei Aktionen sehr wichtig, möglichst viele Leute einzubinden, hier z.B. in Schule, Bibliothek, VHS, Politik und Verwaltung. Alle haben sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und ihr Blick auf Menschen mit Leseschwierigkeiten hat sich gewandelt“, so Katrin Hettlich.

 

 

So entstanden weitere Kooperationen wie die Lernwerkstatt, die seit Herbst 2016 wöchentlich in einem Raum der Stadtbibliothek stattfindet. „Das ist ein offenes Angebot, das den Spaß am Lernen und Lesen wecken soll. Der Begriff Werkstatt betont dabei das Selbermachen“, sagt der Bibliotheksleiter Christoph Höwekamp sichtlich begeistert. Ob es der 25-Jährige ist, der Unterstützung beim Schreiben einer Bewerbung braucht oder die 85-Jährige, die Fotos digitalisieren möchte – sie werden individuell von einer Lernbegleiterin bei ihren Anliegen unterstützt. 

Plakatausstellung in Ladenfenstern

Große Aufmerksamkeit erhielt auch eine Aktion in Bersenbrück anlässlich des Weltalphatages im September 2016. Eine Plakatausstellung der VHS zum Thema Analphabetismus wurde in den Schaufenstern der örtlichen Einzelhändler gezeigt.

„Dabei half es, am Anfang bestimmte Personen zu überzeugen und damit bei den anderen werben zu können. Die Orts- und Personenkenntnis unserer örtlichen Mitarbeiter war dabei von unschätzbarem Wert. Wir haben gemeinsam mit jedem Einzelhändler gesprochen und konnten fast alle für die Ausstellung begeistern“, so Hettlich. Viele der teilnehmenden Geschäfte dekorierten ihr gesamtes Schaufenster thematisch und hatten großes Interesse daran, die Ausstellung länger als die geplante eine Woche zu präsentieren.

Anschlussperspektiven

Die jüngste Innovation im Bereich Grundbildung der VHS Osnabrücker Land ist das INPUT-Programm. Das Angebot richtet sich an Menschen ohne Schulabschluss, um ihnen den Übergang in schulische und berufliche Anschlussperspektiven zu erleichtern, sie z.B. auf einen Hauptschulkurs vorzubereiten. INPUT bildet so ein Bindeglied zwischen den Teilbereichen Grundbildung und Schulabschlüsse an der VHS.  „Die Teilnehmenden sollen Freude am Lernen entwickeln und ihre eigenen Hemmnisse überwinden. Neben der Stärkung der Grundkompetenzen im Lesen, Schreiben, Rechnen, Umgang mit Computern und mit Geld können sie sich in den Wahlfächern Kunst und Englisch erproben. Sie werden während des 6-monatigen Kurses sozialpädagogisch begleitet“, erklärt die Programmbereichsleiterin Christa Rapp. INPUT wird gefördert durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Fazit: In Beziehungen investieren und Anlässe für Berichterstattung schaffen

„Damit das Thema Analphabetismus aus der Tabu-Zone kommt und Menschen von Angeboten erfahren, die ihnen helfen können, ist es wichtig, so viele Menschen wie möglich zu informieren und immer wieder Anlässe für Medienberichte zu schaffen. Persönliche Beziehungen und eine gute Kenntnis der Gegebenheiten und Strukturen vor Ort sind gerade in  ländlichen Gebieten das A und O. Es ist wichtig viele Leute einzubeziehen, diese Kontakte zu pflegen und das Netzwerk lebendig zu halten“, resümiert Katrin Hettlich.

Autorin: Katharina Reinhold

Fotos:

1. Foto: Der Landkreis Osnabrück ist flächenmäßig etwa so groß wie das Saarland (© Jörg Sabel/pixelio.de).
2. Foto: Das Bild entstand im Rahmen des Schulprojekts: Lisa, 10. Klasse (© K. Hettlich)
3. Foto: Angeregt durch die Grundbildungsprojekte der VHS hat die Bibliothek ihren Bestand an Büchern in leichter Sprache ausgebaut und prominent platziert, wie Bibliotheksleiter Christoph Höwekamp und Alpha-Netzwerk-Projektleiterin Katrin Hettlich zeigen.(© K. Reinhold)
4. Foto:  Der Spielwarenhändler dekorierte das gesamte Schaufenster mit Produkten zum Lesen lernen.  (© K. Hettlich)

Kurzporträt: Grundbildung im Osnabrücker Land

Einwohnerzahl

Einwohnerzahl

351.316 (Stand 2015)

Demografische Entwicklung

Demografische Entwicklung

Aktuelle Prognose (Januar 2017): Bevölkerungszahl wird in den nächsten Jahren noch leicht ansteigen aufgrund von „Wanderungsüberschüssen“, mittelfristig dann leicht abnehmen. Bis zum Jahr 2035 wird sich die Altersstruktur wahrscheinlich deutlich verändern: Laut Prognose werden im Jahr 2035 nur noch 26% unter 30 Jahren, 38% zwischen 30 und 59 und 36% über 60 Jahre alt sein.
Anteil ausländischer Staatsangehöriger an der Gesamtbevölkerung des Landkreises 2015: 6,9%, Arbeitslosenquote: 3,7%.

Bedeutung des Ortes in der Region

Bedeutung des Ortes in der Region

  • Lage im Südwesten Niedersachsens, zu einem großen Teil umschlossen von NRW. Fläche: 2.121 Quadratkilometer; zweitgrößter Landkreis Niedersachsens.
  • 34 Gemeinden, darunter acht Städte und vier Samtgemeinden in Größen zwischen unter 7000 und mehr als 45.000 Einwohnern.
  • Leistungsstarke Wirtschaft mit Industrie, Handwerk, Handel und Landwirtschaft.
  • Landschaft von Mittelgebirgen, Wäldern und Feldern geprägt, einige Kurorte.

Strukturen, Akteure und Projekte im Bereich (Grund-)Bildung

Strukturen, Akteure und Projekte im Bereich (Grund-)Bildung

Der Landkreis Osnabrück erhebt laut Selbstdarstellung Anspruch auf kommunale Gesamtverantwortung für die Gestaltung und Vernetzung der Bildungslandschaft. Er vertritt ein ganzheitliches Verständnis von Bildung. Dafür wurde die Koordinierungsgruppe Bildung eingerichtet, wo Fachdienste (Dezernate) für Soziales, Bildung, Kultur und Sport sowie Gesundheit mit Trägern wie Volkshochschule und Maßarbeit (Name des regionalen Jobcenters) sich regelmäßig austauschen, Projekte planen und koordinieren. Neben der VHS Osnabrücker Land sind in der Stadt Osnabrück noch die städtische VHS sowie das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft Anbieter von Grundbildungsmaßnahmen.

Kurse

Kurse

Neben den etablierten Grundkursen „Lesen und Schreiben“ in Bramsche und Bersenbrück bietet die VHS Osnabrücker Land seit Ende 2014 offene Lernangebote an verschiedenen Standorten des Landkreises an.
Die kostenfreien Lerncafés im Nord- und Südkreis, sowie die mit Laptops und Lernsoftware ausgestattete „Lernwerkstatt“ in der Stadtbibliothek Georgsmarienhütte bieten eine lockere Lernatmosphäre zum Auffrischen und Trainieren von Grundbildung auf verschiedenen Niveaustufen.
Kursangebote im Übergang Schule/Beruf und höherschwellige Rechtschreibtrainings, sowie Auffrischungskurse Rechtschreibung und Zeichensetzung ergänzen das Angebot.

Ansprechpartner

Ansprechpartner

VHS Osnabrücker Land

Katrin Hettlich, Alpha-Netzwerk
Tel.: 0541 500-5619
E-Mail: katrin.hettlich@vhs-osland.de

Bundesministerium für Bildung und Forschung
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