Analphabetismus

Primärer und sekundärer Analphabetismus

Diese Begriffe differenzieren Analphabetismus hinsichtlich seiner Entstehung.

Primärer Analphabetismus:

Von primärem oder natürlichem Analphabetismus spricht man bei Personen, die aufgrund fehlenden Schulbesuchs keinerlei Lese- und Schreibkompetenzen erworben haben.[1] Primärer Analphabetismus ist in Deutschland selten und findet sich z. B. teilweise bei Migrantinnen und Migranten, die aus Ländern mit einem wenig ausgebauten Schulsystem kommen oder bei denen ein regelmäßiger Schulbesuch im Herkunftsland aus verschiedenen (kulturellen, sozialen, ökonomischen, …) Gründen nicht möglich war. Primäre Analphabetinnen und Analphabeten können bei Lernbeginn nicht auf schulische Lernerfahrungen im Schriftspracherwerb zurückgreifen.

Sekundärer Analphabetismus:

Von sekundärem Analphabetismus spricht man, wenn eine Schule besucht wurde, die zunächst erworbenen (eventuell geringen) schriftsprachlichen Kompetenzen jedoch durch einen Prozess des Verlernens verloren gegangen sind (z. B. weil sie nach der Schulzeit nicht mehr benötigt wurden). Hier ist somit bereits (geringe) Erfahrung mit der Schriftsprache vorhanden. Eine Lese- und Schreibförderung erfolgt vor dem Hintergrund bisheriger Erfahrungen mit dem Schriftspracherwerb.

Totaler und funktionaler Analphabetismus

Diese Begriffe differenzieren Analphabetismus hinsichtlich des Umfanges der Lese- und Schreibkompetenzen.

Totaler Analphabetismus:

Es liegen gar keine Lese- und Schreibkompetenzen vor. Dies findet sich in der Regel nur bei primären Analphabetinnen und Analphabeten.

Funktionaler Analphabetismus:

Es liegen Lese- und Schreibkompetenzen vor. Die schriftsprachlichen Kompetenzen funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten sind in der Gesellschaft, in der sie leben, jedoch nicht ausreichend.

Inwieweit eine Person als funktionaler Analphabetin oder Analphabet gilt, hängt also davon ab, welche schriftsprachlichen Anforderungen die Gesellschaft stellt, in der diese Person lebt (= gesellschaftlich bestimmter Begriff) [2]:

„Funktionaler Analphabetismus ist gegeben, wenn die schriftsprachlichen Kompetenzen von Erwachsenen niedriger sind als diejenigen, die minimal erforderlich sind und als selbstverständlich vorausgesetzt werden, um den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Diese schriftsprachlichen Kompetenzen werden als notwendig erachtet, um gesellschaftliche Teilhabe und die Realisierung individueller Verwirklichungschancen zu eröffnen.

Unter schriftsprachlicher (literaler) Kompetenz ist die Fähigkeit zu verstehen, sich der Schrift als Kommunikationsmittel zu bedienen. Schriftsprachliche (literale) Kompetenzen in entfalteter Form sind:

  • sinnverstehendes Lesen in einem angemessenen Tempo (neben dem Lesen von Texten auch das „Erlesen“ von Tabellen, Graphiken, Listen oder quantitativen Darstellungen, ebenso das Deuten von Symbolen, Schildern, Beschriftungen etc.);
  • die Fähigkeit, sich schriftlich auszudrücken (neben einem angemessenen Tempo gehören hierzu das Ausfüllen/Beschriften von Graphiken, Tabellen, Listen, Formularen, das Schreiben geläufiger Wörter oder Fremdwörter, das Formulieren und Aufschreiben von Notizen und kurzen Nachrichten sowie das Beherrschen von Rechtschreibung und Zeichensetzung etc.).“[3] 

Funktionaler Analphabetismus bedeutet somit nicht, gar nicht lesen und schreiben zu können. Er beschreibt vielmehr das Verhältnis der eigenen zu den gesellschaftlich geforderten Lese- und Schreibkenntnissen (= gesellschaftlich bestimmter Begriff).[4] Die leo. – Level-One Studie identifiziert die ersten drei Alpha-Levels als funktionalen Analphabetismus: „Funktionaler Analphabetismus liegt bei Erwachsenen bei Unterschreitung der Textebene vor, d.h. eine Person kann einzelne Sätze lesen oder schreiben, nicht jedoch zusammenhängende – auch kürzere –  Texte“.[5]


     [1] Vgl. Hubertus, Peter (1991): Alphabetisierung und Analphabetismus. Eine Bibliographie, Osnabrück, S. 5, hrsg. vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V. à http://www.alphabetisierung.de/fileadmin/files/Bilder/Bundesverband/Definitionen_FA.pdf (07.04.2016).

     [2] Vgl. Hubertus, Peter (1991): Alphabetisierung und Analphabetismus. Eine Bibliographie, Osnabrück, S. 5 Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V. à http://www.alphabetisierung.de/fileadmin/files/Bilder/Bundesverband/Definitionen_FA.pdf (07.04.2016).

     [3] Alphabund-Definition: Fachgruppe „Zielgruppenanalyse“ des Förderschwerpunktes „Forschungs- und Entwicklungsvorhaben im Bereich Alphabetisierung und Grundbildung (2010); vgl. Grotlüschen, Anke/Riekmann, Wibke (2012): Funktionaler Analphabetismus in Deutschland. Ergebnisse der ersten leo. – Level-One Studie, in: Alphabetisierung und Grundbildung (Band 10), hrsg. vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V., Münster 2012, S. 17ff.

     [4] Grotlüschen, Anke/Riekmann, Wibke (2011): leo. – Level-One Studie. Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus. Presseheft, Hamburg. Online verfügbar: S. 4 und 6 [pdf, 2.9 MB]

     [5] Grotlüschen, Anke/Riekmann, Wibke (2011): leo. – Level-One Studie. Literalität von Erwachsenen auf den unteren Kompetenzniveaus. Presseheft, Hamburg. Online verfügbar: S. 4 und 6 [pdf, 2.9 MB]


Bundesministerium für Bildung und Forschung
telc
Ich will lernen.de
Ich will Deutsch lernen
Alfa Telefon
Winterfest