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Grundbildung.de

"Das Wichtigste sind beständige Strukturen"

Mit einem Gesamtkonzept für Grundbildung setzt die Volkshochschule Bochum seit einigen Jahren auf Kontinuität und feste Strukturen. Das kommt in der Stadtgesellschaft an – langsam aber stetig.

Katharina Donath, veröffentlicht am 01.02.2017

Mit einem Gesamtkonzept für Grundbildung setzt die Volkshochschule Bochum seit einigen Jahren  auf Kontinuität und feste Strukturen. Das kommt in der Stadtgesellschaft an – langsam aber stetig.

Teilnehmende des Sprechcafés

"Was? Du hast schon mal Esel gegessen?" rufen die beiden jungen Männer aus Afghanistan lachend. Sie können kaum glauben, was ein Teilnehmer des Sprechcafés aus Somalia gerade erzählt. Erheitert greifen sie zu den garantiert eselfreien Spekulatiuskeksen auf den zusammengeschobenen Tischen, mit denen die Ehrenamtliche Gudrun Klamma und weitere ehrenamtliche Helferinnen den Unterrichtsraum der Volkshochschule in ein improvisiertes Café verwandeln. Jeden Donnerstag kommen bis zu 30 Teilnehmer/-innen aus vhs-Kursen zusätzlich zum Sprechcafé, um die deutsche Sprache, aber auch lesen und schreiben zu üben. Die Ehrenamtlichen unterstützen z. B. beim Ausfüllen oder Lesen von Formularen. "Ich habe nicht den Anspruch, Deutsch- oder Alphabetisierungsunterricht zu machen. Dafür bin ich nicht ausgebildet. Aber wir reden, lachen und lernen zusammen", erklärt die Sekretärin im Ruhestand Klamma, die das Angebot 2013 ins Leben rief. "Damals half ich ehrenamtlich in einem Sprachkurs, und die Teilnehmenden wollten noch mehr üben. So haben wir uns zuerst im Flur der vhs unter der Treppe getroffen. Als es dort zu eng wurde, sind wir in einen Klassenraum gezogen." Inzwischen ist das Sprechcafé offizieller Bestandteil des VHS-Programms und des Bochumer Gesamtkonzepts für Grundbildung.

Fachbereichsleiterin für Grundbildung Ute Vielhaber-Jesse, vhs-Leiter Thomas Ratenhof und Grundbildungsbeauftragte Elke Dietinger

Rückendeckung durch die Politik

Dass die vhs ein Gesamtkonzept für Grundbildung entwickelt hat, ist vor allem Thomas Ratenhof zu verdanken. Alphabetisierungskurse gab es schon lange an der VHS, aber nach den für ihn "frappierenden" Ergebnissen der leo.-Level-One Studie beschloss der Leiter der vhs im Jahr 2011, das Thema umfassender anzugehen. Als Sprecher des Runden Tisches für Weiterbildung, in dem seit 1996 beinahe alle Institutionen der Weiterbildung in Bochum vertreten sind, hatte Ratenhof günstige Voraussetzungen, um das Thema dauerhaft einzubringen und ein kommunales Alphabetisierungs-Netzwerk dort zu verankern: Er organisierte Fortbildungen und Vorträge für die Mitglieder, bei denen das Thema seitdem im Fokus steht. Außerdem überzeugte er den Ratsausschuss für Schule und Bildung – inzwischen wird das Thema von allen Fraktionen unterstützt. "Die politische Unterstützung […] ist wichtig, auch wegen der inhaltlichen Ausrichtung des Budgets. Es empfiehlt sich, als kommunale Einrichtung eine enge Anbindung an die Politik herzustellen.", so Ratenhof. Schließlich konnte er die Bochumer Landtagsabgeordnete und Präsidentin des Nordrhein-Westfälischen Landtags Carina Gödecke als Schirmherrin für die Grundbildung gewinnen. Dass das Thema inzwischen auch in der Stadtverwaltung ankommt, zeigt der Bochumer Sozialbericht, der wichtige Entwicklungen der Stadtgesellschaft darstellt: Darin wird "Grundbildung an der vhs" 2015 erstmals ein eigenes Kapitel gewidmet.

Das "Bochumer Modell"

Während der vhs-Leiter die politischen Weichen für das Thema stellt, bringt Elke Dietinger, Fachbereichsleiterin Schulabschlüsse und seit 2012 auch Grundbildungsbeauftragte, das Thema unermüdlich in die Stadtgesellschaft ein: Sie führt Projekte durch, informiert in Ausschüssen, leitetet Fortbildungen im Jobcenter oder bei Beschäftigungsträgern und organisiert Öffentlichkeitsarbeit, wie z. B. eine Kampagne in Zusammenarbeit mit "Radio Bochum". Der meistgehörte Radiosender der Stadt sendet täglich Spots, in denen Teilnehmende von Alphabetisierungskursen über ihren Alltag berichten. Die Information der Stadtöffentlichkeit bleibt eine der größten Herausforderungen: "Wir müssen das Thema durch Öffentlichkeitsarbeit, aber auch durch Fortbildungen aus dem Tabubereich herausholen, das ist das dickste Brett, an dem wir dranbleiben wollen.", erklärt Ratenhof. An der vhs organisieren außerdem zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen die Kurse im Bereich Grundbildung und beraten Interessierte. Für Ratenhof ist dies ein entscheidendes Charakteristikum des Gesamtkonzepts für Grundbildung, des sogenannten "Bochumer Modells". Darin verpflichtet sich die vhs, ihr Angebot programmbereichsübergreifend verstärkt für Bildungsbenachteiligte zu öffnen. "Das Wichtigste ist, dass wir beständige Strukturen aufgebaut haben. Dies schaffen wir durch klare personelle Zuständigkeiten, ein ständiges Kursangebot durch verschiedene Träger in Bochum, die Verbreitung des Themas in der Stadt durch Öffentlichkeitsarbeit und das Alpha-Netzwerk, sowie durch die Einbindung von Ehrenamtlichen, die zusätzliche Angebote wie das Sprechcafé ermöglichen. "Die Arbeit wird von Projekten im Bereich Grundbildung flankiert, wie aktuell z.B. das Projekt Gruwe, bei dem die vhs mit örtlichen Unternehmen Grundbildungsangebote am Arbeitsplatz entwickelt. "Projekte sind wichtig, da man darüber auch in Ausschüsse kommt, um zu dokumentieren, dass sich eine Investition in das Thema lohnt", so Dietinger. Dennoch habe es keinen Zweck, sich von einem Projekt zum nächsten zu hangeln, ergänzt Ratenhof. Denn: "Diskontinuität bringt das Thema zum Erschlaffen. Projektsupport ist wichtig, aber wir brauchen Kontinuität."

Die Volkshochschule in Bochum

Kursteilnehmende wünschen sich mehr Unterstützung durch die Kommune

Für Kontinuität und Ausdauer stehen auch Angelika Kraft, die seit 25 Jahren an der vhs im Bereich Grundbildung unterrichtet, und die Teilnehmer*innen ihres aktuellen Kurses. Sie kommen zweimal pro Woche, teilweise seit drei oder vier Jahren in einen der ca. zehn Kurse, die die vhs anbietet. "Die Anzahl der Alpha-Kurse hat sich seit 2012 leider kaum erhöht, obwohl wir viel in dem Bereich machen", sagt Dietinger, "auch, da wir keine zusätzlichen Mittel haben. Dafür sind die einzelnen Kurse nun voller." Im Kurs von Angelika Kraft sitzen ca. zehn Erwachsene vorwiegend mittleren Alters. Viele sprechen Deutsch als Muttersprache, einige haben einen Migrationshintergrund, die meisten sind berufstätig. "Seit ich komme, habe ich ganz neue Möglichkeiten", erläutert ein Teilnehmer, "ich kann jetzt SMS schreiben, komme besser mit Anträgen klar und kann im Restaurant bestellen, was ich möchte." Die anderen Teilnehmenden nicken: "Da gehen neue Türen auf." Dafür bezahlen sie gern die eher symbolischen 13 Euro pro Semester, die ein Alphabestisierungskurs kostet. In den Kurs gefunden haben sie durch Kollegen, die sie bei der Arbeit ansprachen oder durch eine Empfehlung des Jobcenters. "Aber ich würde mir wünschen, dass die Betreuer im Jobcenter oder bei anderen Ämtern offensiver mit dem Thema umgehen und uns noch mehr unterstützen, zum Beispiel beim Ausfüllen von Formularen. Es sollte in der Gesellschaft selbstverständlicher sein, dass manche Menschen eben nicht gut lesen und schreiben können", erklärt ein Teilnehmer. Zum Glück wird in Bochum mit viel Engagement daran gearbeitet, den Wunsch dieses Teilnehmers in die Tat umzusetzen.

Kurzporträt: Grundbildung in Bochum

Einwohnerzahl

Demografische Entwicklung

Kooperationspartner und Vernetzung

Statement der Präsidentin des Landtags von NRW

Ansprechpartner*innen

Alle statistischen Daten des Kurzsteckbriefs entstammen:
Stadt Bochum, Dezernat für Soziales, Jugend und Gesundheit 2015: Sozialbericht Bochum.

Autorin

Katharina Donath hat beim Deutschen Volkshochschul-Verband als Referentin im Projekt AlphaKommunal - Transfer gearbeitet.

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Bildnachweise

  • Foto: Katharina Donath
  • Foto: Katharina Donath
  • Foto: Katharina Donath
  • DVV / Fotoatelier Herff

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