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Wie die Ansprache und Unterstützung von gering literarisierten Erwachsenen gelingt

Bereits im Frühjahr veröffentlichte das Verbundvorhaben InSole – In Sozialräumen Lernen des Deutschen Volkshochschul-Verbandes und des Paritätischen NRW die Ergebnisse einer Befragung von mehr als 500 Fachkräfte aus verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit.

Von Jens Kemner, Mariola Fischer, Laurentia Moisa und Fabian Walpuski

„87 Prozent der Fachkräfte aus unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialarbeit nehmen Lese- und Schreibschwierigkeiten bei ihrer Klientel wahr, bzw. vermuten diese zumindest.“

Jens Kemner, Projektleiter InSole (In Sozialräumen lernen)

Wie verbreitet das Problem der Lese- und Schreibschwierigkeiten bei Erwachsenen ist, offenbarte eine Umfrage unter 513 Fachkräften aus unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialarbeit, durchgeführt im Verbundvorhaben „InSole – In Sozialräumen lernen“. Die Befragung in den Mitgliedsorganisationen des Paritätischen NRW zielte darauf ab, systematisch Erkenntnisse zu erheben, wie Menschen mit geringer Literalität erreicht und unterstützt werden können. Aus den Ergebnissen lässt sich für Volkshochschulen Wichtiges ableiten: Um die Zielgruppe zu erreichen, können Kooperationen mit Trägern sozialraumorientierter Angebote in den Quartieren strategisch lohnend sein.

Gute Beziehungen zu den Betroffenen öffnen Türen

Neben InSole sucht auch das Projekt GruKiTel nach Ansatzpunkten einer Zusammenarbeit von Weiterbildung und Sozialarbeit. Laut einer Erhebung des Projekts geben mehr als die Hälfte der befragten Caritas-Fachkräfte an, in ihrer Arbeit regelmäßig Menschen auf ihre geringen Lese- und Schreibkompetenzen anzusprechen. Das vertrauensbildende Setting sozialer Dienstleistungen scheint hier ein begünstigender Faktor zu sein: Drei Viertel der von GruKiTel befragten Fachkräfte beschreiben ihr Vertrauensverhältnis zu diesen Erwachsenen als „sehr gut“ bzw. „gut“.

Auch die Ergebnisse der Befragung im Verbundvorhaben InSole deuten darauf hin, dass eine gute Beziehung zwischen den beratenden Fachkräften und ihrer Klientel die Ansprache von geringer Literalität ermöglicht. Für manche Ratsuchende sind ihre Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben gegenüber den Beraterinnen und Beratern kein Tabu mehr, teils sprechen sie diese sogar von selbst an. Diese Aussagen machen das Potenzial an Möglichkeiten deutlich, wie Beratungsfachkräfte Zugang zu gering literalisierten Erwachsenen finden und diese unterstützen können. Doch wie gehen Fachkräfte konkret mit Lese- und Schreibschwierigkeiten der Klientel um?

Geringe Literalität: wahrgenommen und dennoch zu oft vernachlässigt

In der Praxis ist zu beobachten, dass bei den einzelnen Einrichtungen Alphabetisierung und Grundbildung erst dann in den Fokus gerät, wenn zwischen unzureichenden Schriftsprachkompetenzen und dem Entstehen von Krisen eine Kausalität besteht, oder wenn Literalität ein relevanter Faktor im Hilfeprozess ist. Dies trifft in besonderer Weise im Rahmen der Schuldnerberatung zu.

Im Allgemeinen ist dies jedoch derzeit eher die Ausnahme. Vielmehr hat InSole erhoben, dass in der Gruppe von Fachkräften, die geringe Literalität bei ihrer Klientel wahrgenommen haben, ein Drittel diese bisher noch nie angesprochen hat. Und dies leider, obwohl – so die Befragungsergebnisse beider Projekte – den Fachkräften mehrheitlich Angebote, die Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten unterstützen, durchaus bekannt sind. Allein das Wissen der Fachkräfte führt also nicht zwingend zum Handeln. Darauf wiesen bereits die Ergebnisse der Umfeldstudie aus dem Jahr 2015 hin. Wie ist dies zu erklären?

Das Projekt GruKiTel hat die Fachkräfte nach möglichen Hintergründen für eine Nicht-Ansprache geringer Literalität gefragt. Folgende Motive ließen sich herausarbeiten:

  • Andere Anliegen der Empfänger sozialer Dienstleistungen sind gravierender (wie zum Beispiel Suchtverhalten, Überschuldung, drohende Wohnungslosigkeit) und werden in der Beratungssituation vorrangig angesprochen und bearbeitet.
  • Aufgrund von hoher Auslastung fehlt den Fachkräften häufig die Zeit, um geringe Literalität in den Beratungen zu thematisieren.
  • Die Fachkräfte sind besorgt, ihre wichtige Vertrauensbeziehung zu gefährden bzw. die Personen in eine beschämende Situation zu bringen, wenn sie die geringe Literalität erwähnen.
  • Den Fachkräften fehlt selbst das konkrete Wissen zu Inhalten und Gestaltung von Lese- und Schreibkursen für Erwachsene, um ihrer Klientel über geeignete Unterstützungsangebote hinreichend Auskunft geben zu können.

Wie also kann es angesichts dieser Bedenken gelingen, Beratungsfachkräfte so zu befähigen, dass sie unzureichende Literalität zukünftig stärker in ihre Beratung einbetten können?

Mehr Transparenz und Verankerung in den Beratungsstrukturen

Für eine sensible Ansprache und qualifizierte Vermittlung in professionelle Lern- und Unterstützungsangebote benötigen Mitarbeitende in den Beratungseinrichtungen und Sozialen Diensten gutes Hintergrundwissen. Dies zu vermitteln, ist schon bei der Konzeption von Schulungen wichtig. Diese Fachkräfte können über Vorträge/Seminare für das Thema sensibilisiert werden, wenn das Netzwerk der kommunalen Lern- und Unterstützungskultur im Bereich Alphabetisierung und Grundbildung transparent und anschaulich erläutert wird.

Weiterhin sind Informationen zu didaktischen Konzepten, zur praktischen Gestaltung der Lernangebote, zu konkreten Lernorten und -formaten relevant. Erst eine klare Vorstellung von Angeboten zur Grundbildung gibt den beratenden Fachkräften Sicherheit im Umgang mit dem Thema. Den betroffenen Menschen ebnet eine vertrauensvolle Beratung den Weg zu den möglichen Hilfsangeboten in den Weiterbildungseinrichtungen. Allein das Wissen um die Existenz von Lern- und Unterstützungsmöglichkeiten reicht nicht aus.

Gleichermaßen muss die Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener konkret und selbstverständlich in den Beratungsstrukturen der Träger selbst verankert sein. Solange die Unterstützung gering literalisierter Erwachsener durch die sozialen Dienstleister ausschließlich mit einem Hinweis auf „externe“ Angebotsstrukturen verbunden ist, wird sie für Fachkräfte als auch für die Klientel wenig selbstverständlich und nur in Ausnahmen praktikabel.

Bildungsdistanz durch niedrigschwellige Unterstützungsangebote überwinden

Ausgehend von den hier dargestellten Ergebnissen erproben die beiden Vorhaben GruKiTel und InSole gemeinsam mit ihren Verbundpartnern unterschiedliche Ansätze: Einerseits entwickeln sie Qualifizierungsangebote für Beratungsfachkräfte, damit diese zukünftig mehr Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen erkennen, ansprechen und für unterstützende Angebote motivieren.

Andererseits werden bei den beteiligten Sozialdienstleistern und Beratungseinrichtungen direkt niedrigschwellige Lern- und Unterstützungsangebote installiert. So können im Sinne einer aufsuchenden Bildungsarbeit, Bedürfnisse nach Bildung dort aufgegriffen werden, wo sie zur Sprache kommen. Die gering literalisierten Erwachsenen profitieren von kurzen Wegen innerhalb ihrer vertrauten Beratungs- und Unterstützungsstruktur. Gleichzeitig können durch die Anbindung an die Sozialräume auch Volkshochschulen ihre Weiterbildungsangebote stärker als bisher lebensweltorientiert ausgestalten und anbieten. Damit bekämpft der Ansatz aktiv die „doppelte Verankerung von Bildungsdistanz“. Erste Ergebnisse der Aktivitäten von InSole und GruKiTel, die auf eine breite Verzahnung von Weiterbildungseinrichtungen mit sozialen Dienstleistern und ihren Beratungs- und Unterstützungsangeboten abzielen, werden im Frühjahr 2021 erwartet. 

Jens Kemner

Projektleiter „InSole – In Sozialräumen lernen“

Mariola Fischer

Referentin „InSole – In Sozialräumen lernen“

Laurentia Moisa ist Projektmitarbeiterin im Kooperationsprojekt GruKiTel beim Caritasverband für das Bistum Erfurt e.V.
Fabian Walpuski ist Projektmitarbeiter im Kooperationsprojekt GruKiTel beim TVV

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Bildnachweise

  • Deutscher Volkshochschul-Verband