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Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung 2016 – 2026: Zehn Jahre Zeit für Strukturentwicklung

Der leo-Schock war gewaltig. Die 2011 veröffentlichten Ergebnisse der leo-Studie zeichneten ein erschreckendes Bild der Literalität in Deutschland. Für die Politik war es auf Grundlage dieser Studienergebnisse nicht mehr möglich, Analphabetismus als ein Randphänomen zu betrachten.

Katinka Bartl & Marion Klinger, veröffentlicht am 28.06.18

Anforderungen an Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit

Wurden zuvor vor allem Schülerleistungen betrachtet, rückten mit Studien wie leo.-Level One und PIAAC auch Grundbildungsbedarfe Erwachsener in die Öffentlichkeit. Es zeigte sich eine umfangreiche und komplexe Bedarfslage im Bereich Grundbildung, die durch das bestehende Alphabetisierungs- und Grundbildungsangebot anscheinend nicht aufgefangen werden konnte.

Verstärkt werden die komplexen Anforderungen an Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit aktuell durch zusätzliche Herausforderungen im Rahmen der Flüchtlingsthematik. Viele der 2015 und 2016 nach Deutschland geflüchteten Menschen sind entweder primäre Analphabet*innen oder aber sie sind sogenannte Zweitsprachenlerner*innen, d.h. sie sind zwar alphabetisiert, aber nicht in lateinischer Schrift. Ob sie aus Ländern mit guter Bleibeperspektive kommen oder unklaren Status haben, ein Großteil dieser Flüchtlinge wird längere Zeit oder dauerhaft in Deutschland leben und hat über die sprachliche Förderung hinaus auch Grundbildungsbedarf, zum Beispiel im Rechnen oder im Bereich der gesundheitlichen, kulturellen oder politischen Grundbildung.

Die Bildungspraxis muss hinterfragen, wie sie den Bedürfnissen unterschiedlicher Zielgruppen gerecht werden kann und inwieweit das Alphabetisierungs- und Grundbildungsangebot hinsichtlich Inhalten und Formaten den Bedarfen traditioneller und neuer Zielgruppen genügt.

Herausforderungen für die Nationale Dekade

Mit der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung setzt die Bundesregierung im Anschluss an die Ergebnisse der Nationalen Strategie ihre Absicht fort, das Thema Alphabetisierung und Grundbildung systematisch zu bearbeiten und in der Bildungspolitik und -planung zu verankern.

Die Dekade zielt zunächst auf Erwachsene mit Deutsch als Muttersprache sowie länger in Deutschland lebende Migrantinnen und Migranten. Auf mittlere Sicht sollen jedoch auch Geflüchtete adressiert werden.[1]

Erstmalig wird eine Initiative dieser Art von Bund und Ländern gleichermaßen verantwortet. Mit dem Kuratorium und dem wissenschaftlichen Beirat sind Strukturen geschaffen worden, die eine praxis- und wissenschaftsnahe Beratung ermöglichen. Die Koordinierungsstelle im Bundesinstitut für berufliche Bildung ermöglicht ein professionelles Management der Dekade und, so unsere Hoffnung, unterstützt gegebenenfalls bei der Öffnung für neue Zielgruppen, sowohl die Teilnehmenden als auch die mögliche Förderer betreffend.

Vor welchen wichtigen und dringenden Herausforderungen steht die Dekade?

  • Geringe Teilnehmerzahlen: Derzeit wird mit ca. 15.000 Telnehmenden in Kursen zur „Alphabetisierung/Elementarbildung“ und knapp 9.000 in Kursen „Rechnen/Mathematik“ nur ein sehr geringer Teil der 7,5 Millionen funktionalen Analphabet*innen erreicht. Es besteht dringender Handlungsbedarf, die zielgruppengerechte Ansprache und Lernberatung auszubauen und zu verbessern, dieses wird bislang im Rahmen der Angebote jedoch nicht gefördert.
  • Neue Zielgruppen: Studien haben aufgezeigt, dass die Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit der Volkshochschulen vor allem funktionale Analphabetinnen und Analphabeten auf Level 1 und 2 anspricht. Es müssen vermehrt funktionale Analphabet*innen auf Alpha-Level 3 und 4 angesprochen werden. Eine nachgewiesen umfangreiche, aber bisher unterrepräsentierte Zielgruppe sind z. B. Jugendliche und junge Erwachsene ohne Schulabschluss oder notwendige Ausbildungsreife.
  • Standardisierung: Alphabetisierungs- und Grundbildungsangebote weisen zum großen Teil noch eine fehlende Standardisierung und Transparenz von Lernzielen und -ergebnissen auf. Auch dies kann die Gewinnung von Teilnehmenden erschweren.  
  • Anschlussfähigkeit: Die Angebote müssen anschlussfähig an vorhandene Formate sein. Eine Versorgungslücke an Grundbildungsangeboten besteht z.B. für Migrant*innen, die nach Abschluss des Integrationskurses, vor allem des Integrationskurses mit Alphabetisierung, Grundbildungsbedarf aufweisen.
    Die Anschlussfähigkeit von Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten an weitere Bildungsgänge wie das Nachholen des Schulabschlusses oder berufliche (Nach-)qualifizierung ist nicht gesichert.
  • Zusammenführung von Zielgruppen: Die zunehmende sprachliche Heterogenität von Teilnehmergruppen hat zu einem Diskurs über die Möglichkeit gemeinsamer Angebote und Materialien für Erst- und Zweitsprachler Deutsch geführt. Eine Zusammenführung beider Zielgruppen entspricht großteils den realen Anforderungen in der Bildungspraxis, erfordert jedoch geeignete Angebotsformate und didaktisch geeignete Materialien.
  • Professionalisierung: Die Bereitstellung eines qualitativen Grundbildungsangebotes beinhaltet auch die Professionalisierung des Lehrpersonals. Die Honorierung in der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit ist derzeit jedoch bei weitem nicht so attraktiv wie die in Integrationskursen. Hinzu kommen Planungsunsicherheiten für Kursleitende Entsprechend schwierig ist es, qualifizierte und engagierte Kursleitende für die Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit zu gewinnen.

Die Dekade nimmt sich in ihren Zielen und Maßnahmen dieser vielfältigen Herausforderungen an. Der DVV (als Dachverband des größten Weiterbildungsanbieters) kann dazu beitragen, die Ziele der Dekade umzusetzen.

Standardisierung
Die DVV-Rahmencurricula bieten für die Bereiche Lesen, Schreiben und Rechnen wissenschaftlich fundierte Grundlagen, eine Kurzdiagnostik und Lernmaterialien, die gemeinsam mit Fachdidaktiker*innen entwickelt wurden und denen fachdidaktische Standards zugrunde liegen. Sie ermöglichen einen einfacheren und systematischen Zugang zum Lernstoff. Wissenschaftlich abgesicherte, explizite Lehr- und Lernmethoden stehen dabei keinesfalls im Widerspruch zu abwechslungsreichen, erwachsenengerechten, sozialraumbezogenen Lernsettings.

Alphabetisierung/Grundbildung und Integration
Eine Zusammenführung der Zielgruppen deutscher Muttersprachler und Teilnehmenden mit anderer Erstsprache als Deutsch ist erst ab einem fortgeschrittenen Lernstand sinnvoll und erfordert didaktisch geeignete Lernangebote und -materialien. Der DVV plant, seine Rahmencurricula und die Kurzdiagnostik daraufhin zu überprüfen und ggf. zu überarbeiten, so dass ihr Einsatz in gemischten Gruppen möglich wird.

Multimedialer Ausbau
Angesichts heterogener Zielgruppen bieten digitale Lernportale erweiterte Möglichkeiten zur individuell zugeschnittenen Auswahl von Lerninhalten und Lerntempi. Das DVV-Portal Ich-will-lernen.de beinhaltet unterschiedliche Lernbereiche (zur Alphabetisierung, zu Rechnen oder Schulabschlüssen) und wird im Laufe der Dekade um weitere Grundbildungsbereiche (wie politische Grundbildung, Gesundheits-/Verbraucher-/Medienbildung und Lernen lernen) erweitert. In einem Relaunch des DVV-Portals werden auch die DVV-Rahmencurricula sowie die Kurzdiagnostik online integriert.

Aufbau und Weiterentwicklung von Strukturen
Im Sinne des Aufbaus nachhaltiger Strukturen muss das Thema Alphabetisierung und Grundbildung zu einem Querschnittsthema der öffentlichen Verantwortung von Bund, Ländern und Kommunen werden. Das DVV-Projekt „AlphaKommunal“ widmet sich der Frage, wie Grundbildung im kommunalen Bildungsmanagement etabliert werden kann und wie über kommunale Arbeitgeber Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten erreicht werden können.

Förderrechtliche und bildungspolitische Entwicklungen begünstigen neue Kooperationsansätze. So erweiterte eine Gesetzesänderung des SGB III vom August 2016 die Möglichkeiten zur Förderung von Grundkompetenzen im Rahmen der beruflichen Weiterbildung (AWStG). Das DVV-Projekt „Grubin-Transfer“ entwickelt in Kooperation mit vhs und Arbeitsförderung Lernmaterialien und Konzepte, um die große Zielgruppe funktionaler Analphabet*innen in Maßnahmen der Arbeitsförderung mit Grundbildungsangeboten zu erreichen.

Professionalisierung des Lehrpersonals
Die DVV-Fortbildung „ProGrundbildung“ qualifiziert Lehrkräfte in sechs Modulen für die Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit. Weitere Fortbildungen (zu Rahmencurricula, Lernportal, etc.) unterstützen Lehrkräfte in der Erweiterung ihres Portfolios.

Und dies sind nur die Möglichkeiten, die wir als Verband haben. In ganz Deutschland haben in den letzten Jahren zahlreiche Köpfe an neuen Konzepten zur Alphabetisierung und Grundbildung gearbeitet, haben sich Gedanken gemacht, wie man Kursleitende qualifiziert und motiviert, wie man neue Teilnehmende gewinnen kann. Es hat sich viel getan.

Ausblick

Alphabetisierung und Grundbildung gewinnt an Stellenwert, gesellschaftspolitisch und bildungspolitisch. Dies ist auch den vielen Initiativen und Förderungen der Bundesregierung zu verdanken.

Allerdings fehlt es immer noch an verlässlichen Strukturen, um eine qualitativ hochwertige Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit dauerhaft bundesweit etablieren zu können. Und wenn wir von verlässlichen Strukturen sprechen, meinen wir damit nicht zwangsläufig, dass mehr Geld investiert werden muss. Wir möchten, dass das Geld sinnvoll eingesetzt wird, dass man die bereits entwickelten zahlreichen guten Ansätze nutzt, um stabile, qualitative hochwertige Strukturen und Grundlagen zu bilden, auf denen die Grundbildungsarbeit sukzessive ausgebaut werden kann.

Die Grundlagen für die Qualitätsentwicklung und Standardisierung von (multimedialen) Lernangeboten und -materialien sind (in Form von Curricula, Dozentenqualifizierungen, Transferkonzepten) vorhanden.

In einem nächsten Schritt müssen diese in Regelangebote überführt werden. Ohne Festlegung von Standards, einen Ausbau der Professionalisierung und eine öffentliche Förderung eines Angebotes, das sich an den Standards orientiert, verbleibt der Bereich Alphabetisierung und Grundbildung im Projektstatus und die guten Ergebnisse der Projektarbeit verpuffen.

Die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung bietet in einer einzigartigen Weise die Möglichkeit, solche Strukturen zu schaffen. Die Akteure der Dekade sind Vertreterinnen und Vertreter der Bildungspolitik auf Bundes- und Landesebene, der Arbeitsverwaltung, der Zivilgesellschaft, aus Wissenschaft und Praxis. Gemeinsam haben wir zehn Jahre Zeit, uns dem wichtigen Ziel zu nähern, dass ein Kurs im Lesen und Schreiben oder in ökonomischer Grundbildung genauso selbstverständlich wird wie ein Integrationskurs oder ein Lehrgang zum Nachholen des Schulabschlusses - aus der Perspektive der Lehrkräfte, der Teilnehmenden, der Programmplanerinnen und Programmplaner sowie der Fördergeber. Nutzen wir die zehn Jahre, um der Erfüllung unseres Credos näher zu kommen:

„Niemand darf aufgrund sozialer oder ethnischer Herkunft, aufgrund früheren Scheiterns oder wegen einer Behinderung vom Lebenslangen Lernen ausgeschlossen sein.“


[1] BMBF/Kultusministerkonferenz: Grundsatzpapier zur Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung 2016-20126. Online verfügbar: https://www.bibb.de/dokumente/pdf/a33_grundsatzpapier_nationale_dekade.pdf (Stand: März 2017)

Autorinnen

Marion Klinger arbeitet beim Deutschen Volkshochschul-Verband als Grundsatzreferentin mit dem Schwerpunkt in Gesundheit und Weiterbildungsmanagement. Zum Erscheinungsdatum des Artikels war sie noch als Referentin im Projekt Grundbildung für die berufliche Integration (GRUBIN) - Transfer tätig.

Katinka Bartl arbeitet beim Deutschen Volkshochschul-Verband als Leiterin der zentralen Dienste. Zum Erscheinungsdatum des Artikels war sie Projektleiterin von AQUA - Alphabetisierung als Querschnittsaufgabe.


Dieser Beitrag erschien zuerst in Nummer 91 des AlfaForum, Zeitschrift für Alphabetisierung und Grundbildung.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • AlphaDekade
  • DVV / Fotoatelier Herff
  • DVV / Fotoatelier Herff

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